Deutsche Flugsicherung in Karlsruhe, 11.12.2012

Fast jeder hat bereits indirekt ihre Dienste in Anspruch genommen ohne es je bemerkt zu haben - die Rede ist von der Deutsche Flugsicherung, kurz DFS. Stets wenn wir in den Urlaub fliegen oder uns auf Geschäftsreise begeben wird der Flug von seinem Start bis zum Landen am Zielort von mehreren Fluglotsen betreut und überwacht. In Deutschland ist hierfür die Deutsche Flugsicherung zuständig, die im Auftrag des Staates diese hoheitlichen Aufgaben übernimmt. Da sich genau vor den Toren Karlsruhes, versteckt im Hardtwald gelegen, eines der größten deutschen Kontrollcentern befindet, bot es sich an, diese Institution und deren Aufgaben näher kennenzulernen. Begrüßt wurden wir von Herrn Pfetzing, dem Kommunikationsbeauftragten des Standorts Karlsruhe, der trotz der bevorstehenden Integration der Münchener Außenstelle in die Karlsruher Niederlassung diese Exkursion möglich gemacht hatte. Er ließ es sich dann auch nicht nehmen, auf dem Weg in den Konferenzraum noch den dienstältesten Fluglotsen der Niederlassung dazu einzuladen, uns spontan aus seinem immensen Erfahrungsschatz der letzten Jahrzehnte bei der DFS zu berichten. So gestaltete sich auch der Einführungsvortrag zum Unternehmen DFS, dessen Aufgaben und Geschichte sehr abwechslungsreich. So erfuhren wir zum Beispiel, dass weltweit gesehen stets 60% aller Flugzeuge in der Luft sein müssen, da sonst nicht genügend Platz auf den Flughafenvorfeldern vorhanden wäre, um alle Flugzeuge abzustellen. Auch zum Thema Verspätung erfuhren wir, dass meist nicht die DFS für einen eingeflogenen Delay verantwortlich ist, sondern dass diese meist nur die Überbringer schlechter Nachrichten sind. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn bei winterlichen Verhältnissen zahlreiche Landebahnen wegen Schneeräumarbeiten gesperrt sind und die Ausweichflughäfen bereits so überfüllt sind, dass dort auch keine Parkpositionen für weitere Flugzeuge mehr frei sind.

Im Anschluss an den Vortrag ging es zum eigentlichen Kern des Standorts – dem Lotsenkontrollcenter. Hier sitzen rund um die Uhr bis zu 50 Lotsen, die fast den gesamten oberen Luftraum über Deutschland überwachen. Denn sobald ein Flugzeug nach dem Start in Deutschland oder bereits auf Reiseflughöhe aus dem angrenzenden Ausland kommend eine gewisse Flughöhe erreicht hat, wir es von den Tower-Lotsen bzw. den Lotsen des unteren Luftraums an die Karlsruher Kollegen übergeben. Diese sehen dann auf dem Bildschirm die genaue Position des jeweiligen Flugzeugs, dessen Geschwindigkeit, Kennung und noch viele weitere Informationen. Unter anderem wird z.B. auf Wunsch der gesamte Flugplan über Europa eingeblendet, um so z.B. bevorstehende Engpässe zu erkennen. Sind sehr viele Flugzeuge in einem gewissen Bereich unterwegs, so kann dieser Abschnitt auch nochmals in maximal drei Höhenlagen geteilt werden, für die dann unterschiedliche Lotsen zuständig sind, um so nicht den Überblick zu verlieren. Für jeden Sektor sind standardmäßig zwei Lotsen zuständig – der eine spricht direkt mit dem Piloten und der andere kommuniziert mit den benachbarten Sektoren, gegebenenfalls auch mit ausländischen Flugsicherungsbehörden, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Als Standardsprache dient deshalb Englisch, das jeder Fluglotse auf dem zweithöchsten internationalen Sprachlevel beherrschen muss. Mit dem Umzug der Münchner Kollegen nach Karlsruhe am 15. Dezember kommen in diesem Zusammenhang weitere Auslandsgrenzen, z.B. nach Tschechien, Polen und Österreich, hinzu. Das bedeutet, dass zusätzlich zur Kommunikation mit neuen Flugsicherungsbehörden auch sprachliches Neuland betreten wird, da die verschiedenen englischen Dialekte besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Diese permanente Konzentration macht es auch notwendig, dass in regelmäßigen Abständen Pausen eingelegt werden, in denen sich die Lotsen in speziell dafür geschaffenen Ruheräumen entspannen können.

Nach dem Abstecher in die Kontrollzentrale stand bereits der nächste Vortrag auf dem Programmpunkt. Dieser drehte sich auf unseren Wunsch hin besonders um die Technik der Flugsicherung, die zur Überwachung des deutschen Luftraums notwendig ist. Die Rohdaten hierfür werden von über 30 Radarstationen in Deutschland und dem angrenzenden Ausland geliefert und über mehrere redundanten Leitungen nach Karlsruhe übertragen. Als zur Jahrtausendwende die Sorge über das Versagen von Computersystem durch den Datumswechsel aufkam, rückte sogar eigens ein Fernmeldetrupp der Bundeswehr an, um über eine Richtfunkverbindung die Kommunikationsfähigkeit des Kontrollzentrums sicherzustellen. Die eingespeisten Radardaten werden dann mit weiteren Informationen, die von den Flugzeugen selbst geliefert werden, dazu benutzt, eine zeitliche und räumliche Trajektorie der prognostizierten Flugbahn zu berechnen. Diese reicht so weit in die Zukunft, dass bereits 20 Minuten vor einer möglichen Kollision zweier Flugobjekte eine Warnung herausgegeben wird, sodass die Flugbahn noch rechtzeitig korrigiert werden kann. Dies kann jedoch auch immer wieder zu Fehlmeldungen führen, beispielsweise an Flughäfen, wenn viele Flugzeuge direkt hintereinander starten. Das „VAFORIT“ genannte System ist trotzdem eine enorme Erleichterung für die Lotsen, da bei dem Vorgängersystem nur eine Vorwarnzeit von ein paar Minuten bestand.

Um zu sehen, welcher Hardwareaufwand nötig ist, um die gewünschten Informationen in nahezu Echtzeit zu liefern, führte uns Reinfried Ludewig, zuständiger Technikmitarbeiter der DFS, in den Serverraum im Keller. Da unmittelbar der Umzug der Münchner Kollegen bevorstand, wurde entsprechend auch die Technik erweitert und zahlreiche neuer Server und die zugehörigen Anbindungen installiert. Neben dieser rudimentären Hardware befindet sich im Untergeschoss jedoch auch ein kompletter Simulator, an dem neue Fluglotsen eingelernt oder Schulungen durchgeführt werden können. Im Notfall, sollte einmal der Hauptkontrollraum ausfallen, kann im Simulatorraum sogar ein Behelfskontrollzentrum innerhalb kürzester Zeit eingerichtet werden. Zahlreiche der gestellten Fragen drehten sich entsprechend auch um die Absicherung bei unvorhergesehenen Zwischenfällen. Hierbei konnte uns Herr Ludewig guten Gewissens beruhigen, denn neben der redundanten Stromversorgung und Datenanbindung, gibt es eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, Dieselgeneratoren und sogar eine komplett unabhängige Flugüberwachungssoftware namens „PHOENIX“. Diese wurde mit Absicht von anderen Entwicklern programmiert, damit es unwahrscheinlich ist, dass sowohl bei VAFORIT als auch bei PHOENIX gleichzeitig ein Fehler auftritt. Mit diesem Wissen und zahlreichen weiteren Fakten und Eindrücken konnten wir schließlich beruhigt den Heimweg antreten.

Benjamin Nuß